Der Abschlussbericht einer aktuellen Studie (2011) des Deutschen Jugendinstituts unter dem Titel „Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen“ enthält interessante geschlechtsspezifische Forschungsergebnisse zu sexualistierter Gewalt gegen Jungen:

  • Erst langsam entwickelt sich eine stärkere Sensibilität auch für die Problematik von Jungen als Opfer sexueller Gewalt – in der Familie, in Institutionen […] Gesellschaftliche Männlichkeitsbilder und Selbstbilder Betroffener tragen dazu bei, dass Jungen das Schweigen selten zu brechen vermochten, und dass vielfach Professionelle die Signale nicht erkennen wollten oder konnten.
  • Die empirische Befundlage zu Reaktionen bei Jungen ist […] vergleichsweise gering, vor allem prospektiv. Die deutsche Forschung ist auch in diesem Bereich noch im Bereich qualitativer Studien, allerdings mit fundierten Ansätzen gerade bei Forschung zu Jungen.
  • Obwohl sehr viel häufiger bei Mädchen, weiblichen Jugendlichen und Frauen untersucht, wurde ein erhöhtes Risiko, später erneut sexuelle Gewalt zu erleben, auch für sexuell missbrauchte Jungen bestätigt […]
  • Bei Jungen ist das Spektrum der angegebenen Erfahrungen wesentlich breiter, und sie mussten auch häufiger mehrere Dinge gleichzeitig ertragen, wie beispielsweise Küssen, Zeigen der  eigenen und Berühren der Genitalien des anderen Kindes oder pornografische Filme ansehen […]
  • Zahlen zur Prävalenz sexueller Gewalt zeigen, dass Mädchen und Frauen in höherem Maß betroffen sind als Jungen, insbesondere in den Familien. Deutlich wird aber durch die in den  letzten Jahren gesammelten Befunde, dass auch Jungen in nicht geringem Ausmaß von sexueller Gewalt betroffen sind […]
  • Es steht die – begründete – Vermutung im Raum, dass es Jungen noch wesentlich schwerer fällt, sich als Opfer sexueller Gewalt zu öffnen, so dass das Dunkelfeld in Bezug auf Jungen größer scheint als bei Mädchen […]
  • «Zum zweiten hat er meine eigene körperliche Reaktion ausgenutzt, der hat nämlich ganz klar gesagt ‘Du hast doch eine körperliche Reaktion gehabt, Du hast doch eine Erektion gehabt. Du wolltest es doch auch!‘»
  • Die Bereitschaft, beide Geschlechter als potenziell Betroffene sexueller Gewalt anzuerkennen, ist auch bei Fachkräften nicht immer gegeben. Gerade die Betroffenheit von Jungen bedurfte erst eines Lernprozesses: „Dass Jungen in viel höherer Zahl […] Opfer sind, das ist ja mittlerweile auch einfach bekannt.“
  • Fremdunterbringung kann etwa als Täter-Opfer-Umkehr verstanden werden, indem die Entfernung von zu Hause oder der Auszug aus der Wohngruppe als Bestrafung wahrgenommen wird.
  • Ein anderer Aspekt, der in diesem Zusammenhang Erwähnung finden sollte, ist die Angst männlicher Betroffener, dass sie selbst zu Tätern werden könnten.
  • Insbesondere eine brutalisierte häusliche Atmosphäre und eine akzeptierte Verwendung von Sexualität als Machtmittel erhöhen deutlich die Wahrscheinlichkeit eines Ausübens sexueller Gewalt durch sexuell missbrauchte Jungen […] Es wäre nicht nur verkürzend, sondern auch unfreiwillig diskriminierend, wenn männliche (oder auch weibliche) Opfer sexuellen Missbrauchs vor allem als Risikogruppe für eine spätere Täterschaft und weniger mit ihrem Unterstützungsbedürfnis, wie auch ihren Stärken und ihrer Widerstandskraft gesehen würden […]
  • Es gibt Hinweise, dass Geschlecht und Alter insofern interagieren, als mit zunehmendem Alter die jeweils geschlechtsspezifischen Sozialisationsvorgaben an Relevanz gewinnen. Dies bedeutet u.a., dass die Unvereinbarkeit von Männlichkeit und Hilfebedürftigkeit in der subjektiven Wahrnehmung heranwachsender Jungen zunehmend handlungsleitend wird […]
  • Allerdings werden bei Übergriffen zwischen Kindern bzw. Jugendlichen, durchgängig etwas häufiger als bei sexueller Gewalt durch Beschäftige, Jungen als Opfer beschrieben.

„Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen“, Abschlussbericht des DJI-Projekts im Auftrag der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann; Deutsches Jugendinstitut e.V. (Hrsg.), 2011
Quelle: http://www.dji.de/sgmj/Abschlussbericht_Sexuelle_Gewalt_02032012.pdf