LVZ, 1. November 2012, Seite 22:

Am Samstag starten an der Pleiße die Leipziger Männerkulturtage 2012

Vom 3. bis 8. November richtet der Verein Lemann (leitet sich von Leipzig plus Mann ab) mit vielen Partnern erneut die Leipziger Männerkulturtage aus. Die Genre der Kunst werden bedient, um öffentlich ganz speziell zu vermitteln, was Männer brauchen, fühlen, sich wünschen oder gar nicht mögen. Ganzjährig hingegen sorgt sich jener Netzwerkverein für Jungen- und Männerarbeit indes um ein ausgewogenes Heranwachsen der Geschlechter. Denn aus dessen Sicht fallen die Jungs im Alltag schon etwas hinten runter.

„Aktuell spüren wir es gerade mal wieder beim beantragen von Fördermitteln“, erzählen die beiden „Lemänner“ Andreas Wolff und Carsten Okon. „Beantragen Sie mal welche für Jungenprojekte! Geht es um Mädchen, sind Behörden doch eher sensibilisiert.“ Dabei führt der Verein jenseits des leidigen Kampfes ums Geld seit Jahren schon einen um Beistand für Buben. „Viele suchen sich ihr Männervorbild aus den Medien, aber das ist letztlich für sie nichts Greifbares“, weiß Wolff. Dabei sei die Lage fatal.

Unter 20 Grundschullehrern fände sich heute ein Mann. Viele Mütter seien alleinerziehend, ein Vater fehle entweder ganz oder sei so eben nicht immer präsent. „Seit Jahren organisieren wir daher schon mal die Leipziger Jungentage oder Dinge wie das Ostercamp für Sieben- bis 14-Jährige, wo die ,Männer‘ sozusagen mal unter sich sind, gemeinsam etwas unternehmen oder schaffen. Sie sollen statt der Defizite, die sie haben, auch ihre Stärken finden, ein gesundes Maß an Selbstwertgefühl aufbauen. Das ist nicht ganz unwichtig“, findet Okon, der einst seine Mission in der offenen Jugendarbeit im Schulklub am Adler fand.

„Ich hatte dort teils 60 Jungs. So zwölf, 13 Jahre alt. Und da habe ich schnell gemerkt, dass die schon besondere Bedürfnisse hatten. Das sind Altersgruppen, die sich in einem ständigen Aushandlungsprozess befinden, die ihre Grenzen ausloten. Und das in richtige Bahnen zu bringen – da setzt ja auch die Netzwerkarbeit von Lemann an.“

Unter anderem würden so auch in Schulen „reine Jungenkurse“ oder Projekte angeboten, die sich mit dem Mannsein auseinandersetzen. „Die Schule, wie wir sie heute haben, ist nicht für Jungs gemacht“, sind sich Wolff und Okon, beide selbst auch Väter, einig. „Gerade in den Hauptschulen haben Jungs oft schon in der fünften, sechsten Klasse die Schule im Kopf ,verlassen‘, und das stellt Pädagogen vor Probleme. Da reicht es, wenn in einer Klasse zwei, drei dieser energiegeladenen Verweigerer zugange sind – die wirbeln die ganze Klasse auf“, so Okon. „Wir begreifen uns da schon als ein Baustein, solche Jungs aufzufangen und ihren Elan in vernünftige Bahnen zu lenken.“ Dabei biete der Verein Pädagogen und Lehrern Fortbildung und etwas Training an – was bereits dankbar angenommen wird, ergänzt Wolff.

Den Elan der Lemänner bremsen nun allerdings die Mittel aus, mit denen der Verein haushalten muss. „Um all das zu managen, bräuchten wir mindestens drei Vollzeitstellen“, sagt Okon. „Derzeit teilen wir beide uns zu zweit eine 80-Prozent-Stelle. Das Jahresbudget von 33 000 Euro bietet auch kaum Spielraum. Wir haben mal überschlagen: Wenn wir unsere Arbeit so kontinuierlich fortsetzen wie bisher oder gar bedarfsgerecht und fundiert ausbauen wollen, kämen wir auf 150000 Euro.“ Ein Antrag liege dem Jugendamt nunmehr auch vor.

Und in der Tat ist der Verein dabei, „erste Pflänzchen für die Zukunft zu setzen“, wie Okon meint. Ein Arbeitskreis Jungenarbeit wird gerade gegründet, in dessen Rahmen ein monatlicher fester Treff für alle vorgesehen ist, die zum Thema Beratung bräuchten. Ein weiteres Ziel sei eine Beratungsstelle für Männer mit angegliederter Schutzwohnung.

„Wir möchten ein Ansprechpartner für Interessierte in der Stadt sein, die sich vernetzen. Daher kooperieren wir beispielsweise auch schon mit MONALisa, machen jetzt mit diesem Verein für Mädchenarbeit ein Projekt ,Mädchen/Jungen – Ansichten‘, mit dem wir ab Dezember gemeinsam drei Tage an der Mittelschule Markranstädt sind“, so Wolff.

Zudem entstehe gerade ein Projekt für Berufsorientierung. Um den vielen Ausbildungsabbrechern – meist Jungs – auf die Sprünge zu helfen. „Das setzt in den Klassen 7 und 8 an, wo gezielt die Fähigkeiten der Jungs herausgefiltert werden“, erklärt Wolff. Verbunden sei das Ganze mit Praxistagen in Unternehmen, mit denen man sich längerfristig vernetzen will. „Nur wenn die Jungs da auch mal richtig mitmachen dürfen, können sie zu einem Beruf auch eine Beziehung aufbauen“, denkt Wolff. Angelika Raulien

Lemann e.V., Prinz-Eugen-Straße 34, geöffnet dienstags 9.30 bis 12.30 Uhr, donnerstags 14.30 bis 18.30 Uhr und freitags 14 bis 17 Uhr. Telefon: 034146268222, E-Mail: info@lemann-netzwerk.de