Arbeitskreis knüpft Netzwerk für Opfer von Gewalt / Spezielle Sprechzeit eingeführt / Ziel ist Aufbau einer Schutzwohnung

Ein spontaner Test bestätigte, was Szenekenner längst wussten: In Leipzig klafft in der Opferberatung für Jungen und Männer, die sexuelle, körperliche oder seelische Gewalt erleben mussten, eine große Lücke. Dabei machen sie in der Stadt weit mehr als zwei Drittel der Opfer – 72 Prozent – aus. Diese Lücke will der Arbeitskreis Elure schließen. Ihm gehören vom Weißen Ring über Rechtsmedizin bis zur Straßensozialarbeit bereits etliche Mitglieder an. Weitere werden dringend gesucht. Denn bei speziellen Hilfsangeboten wie der gerade neu eingeführten Männersprechzeit des Vereins Opferhilfe Sachsen in Leipzig soll es nicht bleiben. Unbedingtes Ziel: der Aufbau einer Schutzwohnung.

Franz Eder

„Männer haben das Gefühl, selbst klarkommen zu müssen.“ Franz Eder

„Jungen und Männer werden oft nicht als Opfer wahrgenommen, sondern meist als Täter stigmatisiert“, sagt Franz Eder, Sprecher des Arbeitskreises. Zudem würden sie ihre Verletzungen weniger sensibel wahrnehmen. „Sie haben das Gefühl, selbst klarkommen zu müssen.“ Frauen indes hätten es gelernt, über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen und sich Hilfe zu holen. Für sie existierten spezifische Angebote, die sie in Notlagen nutzen könnten. „Die Zielgruppe Männer wurde aber außen vor gehalten“, meint der Sozialpädagoge. Allein schon der Name des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend signalisiere dies.

Vor einiger Zeit machten deshalb in Leipzig zehn- bis 16-jährige Jungen den Test. Sie sollten via Internet recherchieren, an wen sie sich im Falle eines sexuellen Übergriffes wenden würden. Allerdings: Sie fanden weder lokale noch regionale Angebote, von denen sie sich allein schon vom Namen her angesprochen fühlten. Lediglich auf eine bundesweite Hotline wurden sie aufmerksam.

Bei einer erneuten Stichprobe dürften sie nun allerdings auf www.elure.de stoßen – jenen Leipziger Arbeitskreis für Jungen und Männer als Betroffene sexualisierter oder häuslicher Gewalt und von Stalking. Auf seiner Homepage sind etliche Ansprechpartner wie Ärzte, Therapeuten, Polizisten und Berater genannt, an die sich Geschädigte im Bedarfsfall wenden können. Außer seinen regelmäßigen Mitgliederzusammenkünften möchte Elure öffentliche Netzwerktreffen sowie auch Fachtagungen initiieren. Was Eder und seinen Kollegen besonders am Herzen liegt: „Zwar gibt es in Leipzig Frauenhäuser, aber keine Rückzugsorte für Männer wie etwa eine Schutzwohnung.“ Elure hat sich deshalb auch schon an verschiedene Parteien mit der Bitte um Unterstützung gewandt. Der 41-Jährige: „Bislang gibt es aber keine strukturellen Anknüpfungspunkte für die Finanzierung.“ Dabei betone auch der sächsische Landesaktionsplan zur Bekämpfung häuslicher Gewalt von 2013 ausdrücklich, dass die Zahl der Beratungsfälle bei beiden Geschlechtern gestiegen ist.

Laut Eder gibt es noch keine Erfahrungswerte bezüglich der neuen Männersprechzeit der Opferhilfe, die immer donnerstags von 14 bis 16 Uhr in den Räumen des Vereins in der Kochstraße 1 angeboten wird. Fakt aber ist: Die Gespräche erfolgen auf Wunsch mit einer Beraterin oder einem Berater. Und freilich könnten Männer und Jungen auch die sonstigen Sprechzeiten wählen. Andere Vereine stünden ihnen ebenso als Ansprechpartner zur Verfügung. Beispielsweise „Frauen für Frauen“. Sabine Kreuz

Der Arbeitskreis Elure nennt folgende Ansprechpartner bei Gewalt gegen Jungen und Männer:
Bei dringenden urologischen Untersuchungen nach Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch: Elisabeth-Krankenhaus, Urologische Ambulanz, Chefarzt Dr. Jörg Raßler, Biedermannstraße 84, Tel.: 0341 39597500; Notfall-Ambulanz, Tel.: 0341 39596300; Sachverständigenbüro für Rechtsmedizin Leipzig, Dr. Ulrike Böhm, Tel.: 01704160640; Institut für Rechtsmedizin, Leiter der Gewaltopferambulanz: Dr. Christian König, Tel.: 03419715152.
Anzeigen: Kripo-Kommissariat 13, Dimitroffstraße 1, Tel.: 0341 96643254; Notdienst: Kriminaldauerdienst, Tel.: 0341 96642234.
Therapie: Erwachsenentherapeut Janek Heller, Tel.: 03415502422, Veit Schmidt, Tel.: 034156114842; Kinder- und Jugendlichentherapeut Frank Kramer, Tel.: 0341 2124866.
Beratungsstellen: Opferhilfe Sachsen, Tel.: 03412254318; Weißer Ring, Tel.: 03416888593; Kinderschutzzentrum, Tel.: 03419602837; Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking, Tel.: 03413068778; Stadt Leipzig, Sachgebiet Straßensozialarbeit, Tel.: 03419604245.

Quelle: Leipziger Volkszeitung, 26./27. April 2014, S. 18