AK Gewalt gegen Jungen und Männer

Arbeitskreis Jungen und Männer als Betroffene sexualisierter oder häuslicher Gewalt und Stalking in Leipzig

Opfer sein – eine Rolle, in der sich niemand gerne sieht und die vor allem für Männer tabu ist. Doch es gibt sie. Häufiger als angenommen.

20. Januar 2017 / ze.tt

Er war fast eingeschlafen, als sie anfing, ihn anzufassen. Während sich Ines‘ Hand in seinen Schritt vortastete, hielt Oliver seine Augen weiter geschlossen. Doch er rollte sich zur anderen Seite und kehrte ihr den Rücken zu. Trotzdem glitt ihre Hand in seine Hose und fing an, ihn zu befriedigen. Es dauerte sehr lange, bis er hart wurde, doch das irritierte sie nicht. Seine Augen waren weiterhin geschlossen und sein Rücken ihr zugekehrt, als sie begann ihn auszuziehen. Kurz bevor sie ihn in sich einführte, schob er sie weg, als ob er sich im Schlaf herumwälzen würde.

Diese Vorfälle machen es Oliver unmöglich, den Sex mit Ines zu genießen. „Ich kann unser Sexleben nicht mehr ernst nehmen. Wenn ich zu lange über all das nachdenke, was sie mir angetan hat, kann ich sie nicht mal mehr auf den Mund küssen.“

Oliver sitzt im Wohnzimmer auf der braunen Ledercouch, während er mir diese Situation schildert. Seine langen rotblonden Haare sind im Nacken zu einem Dutt zusammengebunden, der gleichfarbige Bart versteckt die Hälfte seines markanten Gesichts. Oliver sieht gut aus: offener Blick, volltätowiert, ein selbstbewusstes Auftreten. Trotz der kraftvollen Stimme, mit der er erzählt, merke ich, wie sehr diese Geschichte an ihm nagt.

Die Kombination Mann-sein und Opfer-sein ist nicht üblich. Zumindest nicht, wenn „der Täter“ eine Frau ist. Das Thema „häusliche Gewalt an Männern“ wird kaum thematisiert oder erforscht. „Warum auch“, werden sich viele fragen, „die können sich doch wehren und die Zahl der Fälle grenzt wahrscheinlich an Null, im Vergleich zu den Gewalttaten an Frauen.“

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Von Gewalttaten betroffene Jungen und Männer werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Darüber hinaus existieren in Leipzig und bundesweit nur sehr wenige Angebote, welche diesem spezifischen Bedarf gerecht werden. Zur Sensibilisierung für dieses Thema und zur Bekanntmachung vorhandener Unterstützungsngebote wurde vom Arbeitskreis elure, mit Unterstützung der Stadt Leipzig – Referat für Gleichstellung für Frau und Mann, des Opferhilfe Sachsen e.V. und des Weißen Ring e.V. eine Postkartenaktion gestartet. So werden 2000 Postkarten im Stadtgebiet Leipzig, in öffentlichen Einrichtungen und durch persönliche Weitergabe an Fachkräfte und Betroffene verteilt: citycard-elure 

Betroffene von Gewalttaten benötigen unabhängig von ihrem Alter und Geschlecht Wissen und Verständnis um ihre Situation und die Folgen von erlebten Gewalttaten. Sie benötigen professionelle Ansprechpartner, die sie sensibel darin unterstützen, die erfahrenen Gewalthandlungen wahrzunehmen, zu beenden und die Folgen zu verarbeiten.

Vernetzungsplattform für von häuslicher Gewalt betroffene Männer

Der 2009 gegründete Gleichmaß e. V. engagiert sich neben Hilfsangeboten für Trennungseltern und Projekten der Öffentlichkeitsarbeit der letzten Jahre wie beispielsweise Gesprächsrunden, Buchveröffentlichungen, Postkartenkampagnen, Themenbroschüren sowie einer Wanderausstellung seit 2012 zunehmend im Themenkomplex häuslicher Gewalt gegen Männer. Nicht nur, dass sich Wahrnehmung und Darstellung dieses Problems in Medien und Fachwelt wandelt, es wird zudem auch immer offenbarer, dass eine Vielzahl von Trennungseltern entsprechende Erfahrungen als falsch Beschuldigte oder Gewaltbetroffene machen müssen.

Die Projektarbeit konzentrierte sich in Gesprächen mit Fachleuten aus Politik, Behörden und Interventionsarbeit; und wenngeich mit den Bemühungen um eine Finanzierun eines Gewaltschutzobjekten Ostthüringen eine sehr indifferente Positionierung um Statistiken und politischem Wille in Thüringen zu verzeichnen ist, hat sich aus der Projektarbeit mit dem „Männerberatungsnetz“ ein eigenständiges Netzwerk herausgebildet.

Das Männerberatungsnetzwerk ist eine nach langer Vorarbeit im September 2015 etablierte Vernetzungsplattform existenter Notrufe, Beratungseinrichtungen und Schutzwohnungen in Deutschland, die von häuslicher Gewalt betroffenen Männern Unterstützung gewähren. Derzeitig gehören dem Netzwerk zwölf Kontaktstellen in sieben Bundesländern an, zusätzlich gibt es eine Verlinkung auf Schweizer Kontaktstellen, von denen bis aus zwei kommunale Anbieter der „Verein für elterliche Verantwortung“ verantwortlich zeichnet, der unter anderem auch das Männerhaus „Zwüschehalt“ in Brugg betreibt.

Der Anspruch des Netzwerkes ist es, in Printformaten und im Internet einen Überblick über vorhandene Angebote zu ermöglichen, mithilfe von Informationen zu Kontaktstellen die Inanspruchnahme von Hilfeleistungen zu erleichtern sowie eine stärkere Sensibilisierung zu erreichen. Als Initiator, Koordinator und Ansprechpartner zeichnet sich der Gleichmaß e. V. mit Sitz in Gera verantwortlich.

Alle Beratungs- und News, Spendeninformationen, Kontaktstellen und Informationen zum Selbstverständnis finden Sie unter www.maennerberatungsnetz.de.

 

Vorwurf der Staatsanwaltschaft: In Wohnung des Angeklagten lag Preisliste für diverse Praktiken aus.

von Frank Döring

Ein Arbeitsloser aus Grünau hat über Monate hinweg in seiner Plattenbauwohnung minderjährige Jungen sexuell missbraucht. Zum Prozessauftakt am Landgericht legte der 45 Jahre alte Mann gestern eher ungerührt ein Geständnis ab. „Ich bin schuldig im Sinne der Anklage“, sagte er, „es tut mir leid.“ Die Staatsanwaltschaft wirft Jörg K. insgesamt 27 sexuelle Übergriffe im Zeitraum zwischen November 2011 und Januar 2013 auf die damals 12- bis 13-jährigen Jungen vor. Schockierendes Detail: Auf dem Wohnzimmertisch des Angeklagten soll eine handgeschriebene Preisliste ausgelegen haben – mit einem Belohnungssystem, aufgeschlüsselt nach diversen Praktiken. Allein mit dem 13-jährigen Kevin (*) sei es teilweise „zweimal wöchentlich zu sexuellen Handlungen entsprechend dieser Preisliste“ gekommen, so Staatsanwältin Jana Kalex. Mit ihm habe es angefangen, räumte Jörg K. vor Gericht ein. Kevin sei der Sohn einer früheren Freundin. Freitags nach der Schule sei der Junge häufig zu ihm gekommen und über das Wochenende geblieben. „Er war wie ein Sohn für mich“, so Jörg K. „Er wollte bei mir sein, hat nie Nein gesagt.“ Mit dem Sex, das sei „ganz einfach so gekommen“. Laut Staatsanwaltschaft soll sich der Grünauer auch an mindestens zwei weiteren Jungen vergangen haben, ihnen dabei erhebliche Schmerzen zugefügt haben. Auch diese Anklagepunkte räumte Jörg K. ein. Allerdings bestritt er die Existenz einer Preisliste, wie das von den mutmaßlichen Opfern übereinstimmend ausgesagt worden war. Der monatelange Missbrauch flog auf, als Jörg K. mit einem der Jungen in Streit geriet. „Ich habe erfahren, dass Kevin bei seinem Onkel in Gohlis Geld verdient“, erklärte Jörg K. den Anlass für den Zwist. Ob es dabei auch um sexuelle Dienste gegangen sei, fragte das Gericht nach. Der Angeklagte nickte: „Ja.“ Er habe daraufhin gedroht, Kevins Mutter per SMS darüber zu informieren. Beide lieferten sich eine körperliche Auseinandersetzung, wurden dabei verletzt. Die Polizei kam hinzu und Kevin brachte den Missbrauch zur Sprache. Anfang April dieses Jahres erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Jörg K. wegen schweren sexuellen Missbrauchs. Bis dahin war der Hartz-IV-Empfänger nach Angaben der Behörden wegen derartiger Sexualstraftaten nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten. Der Angeklagte schwieg bislang zu den Vorwürfen, sagte auch gestern zunächst nicht aus. Erst nach einem ergebnislosen Rechtsgespräch aller Verfahrensbeteiligter und der Belehrung des Vorsitzenden Richters Norbert Göbel, dass sich ein Geständnis erheblich strafmildernd auswirken würde, packte Jörg K. aus. Eine Vernehmung vor Gericht blieb den betroffenen Jungen gestern dennoch nicht erspart. Die 3. Strafkammer befragte sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Für den Prozess sind noch zwei Termine geplant, ein Urteil wird für Donnerstag nächster Woche erwartet. Bis dahin sollen allerdings noch zwei Gutachter ihre Berichte zu dem Fall vortragen.

(* Name des Kindes geändert

Quelle: Leipziger Volkszeitung, 10. Dez. 2014, S. 16

Was tun, wenn die Wut in Gewalt umschlägt?

Über Gewalt gegen Frauen wird viel gesprochen, doch wenn Frauen ihre Männer schlagen oder treten, ist das immer noch ein großes Tabu. FOCUS-Online-Expertin Sigrid Sonnenholzer sagt, was man tun sollte, wenn Konflikte in Beziehungen körperlich ausgetragen werden.

Wenn Frauen ihre Wut und Angst in körperlicher Gewalt gegen den Partner entladen, muss externe Hilfe her

Wenn Frauen ihre Wut und Angst in körperlicher Gewalt gegen den Partner entladen, muss externe Hilfe her (Quelle: colourbox)

Um es gleich einmal vorweg zu nehmen, physische und psychische Gewalt dürften in einer Partnerschaft niemals vorkommen. Aktuelle Studien beweisen jedoch, dass körperliche Übergriffe durchaus ein Teil der Konfliktstrategien sind.

In der Öffentlichkeit wird über die tätlichen Angriffe von Männern auf Frauen diskutiert, die Attacken der Frauen auf Männer werden jedoch tabuisiert. Auch verlässliche Studien zu diesem Thema sind Mangelware.

Dabei passiert es nicht selten, dass sich die Wut der Frauen in Ohrfeigen, Fußtritten und Schlägen entlädt. Dies zuzugeben ist für einen Mann unendlich peinlich. Er würde es nicht einmal seinem besten Freund gestehen.

Meist trifft es Männer, weiter lesen