AK Gewalt gegen Jungen und Männer

Arbeitskreis Jungen und Männer als Betroffene sexualisierter oder häuslicher Gewalt und Stalking in Leipzig

Nie mehr die Kontrolle verlieren

Wie ein Mann, der als Junge missbraucht wurde, zurück ins Leben findet

20.9.2012 | Barbara Bollwahn

Jahrelang wurde er als Kind von Erwachsenen missbraucht. Lange Zeit hat er benötigt, um darüber reden zu können. Die Geschichte eines Überlebenden

Ingo Fock hat das Unwohlsein, die Angst, die Drohungen und die Schmerzen, die Augen, Münder, Zungen, Pickel und Penisse in eine große Kiste gepackt und mit drei Schlössern verriegelt. Die Schlüssel hat er weggeworfen und sich eingeredet, dass nicht er, sondern ein anderer Junge das erlitten hat, was eigentlich ihm widerfahren ist. Ingo Fock war im Alter zwischen 7 und 13 Jahren Objekt, Spielball und Opfer pädophiler Männer. Er ist jetzt 49 Jahre alt und kann darüber reden, seitdem ihm sein Selbstbetrug um die Ohren geflogen ist, so wie bei einem Dampfkochtopf mit zu hohem Druck auf dem Deckel. Die Dämonen, die Macht über ihn hatten, sind noch immer in seinem Kopf. Aber sie üben keine Macht mehr aus. Aus dem Opfer ist so etwas wie ein Überlebender geworden.

Als Treffpunkt hat er ein Restaurant in Göttingen gewählt, wenige Minuten vom Bahnhof entfernt. Die Hose, das Hemd, die Sandalen sind in Grau und Braun gehalten. Einziger Farbtupfer ist das rote Armband seiner Uhr. Bevor er auf der sonnigen Terrasse erzählt, wie er mit dem Missbrauch fertig wird, spricht er über Kontrolle. Er will diesen Artikel vor dem Druck sehen. Sonst gibt es kein Gespräch. Die Kontrolle hat jetzt er und niemand sonst. Über seine Frau, die kurz im Restaurant vorbeischaut, sagt er nur, dass sie ebenfalls eine Betroffene sei, mehr nicht. Er will seine neue Familie schützen. Er raucht viele Zigaretten, während er ruhig und überlegt spricht. Immer wieder hat er Erinnerungslücken. Auch das, sagt Fock, sei ein Schutz.

Aufgewachsen ist er in Berlin-Kreuzberg. Als seine Eltern sich trennten, wurde er weiter lesen

Am 9. Juli 2012 wurde im WDR-Fernsehen eine beeindruckende Doku zum Missbrauch an Jungen durch deren Mütter gesendet. Der SPIEGEL hat den Beitrag vorab kommentiert. Ein Link zum Video ist unten angefügt.

09.07.2012

ARD-Doku „Mama, hör auf damit!“ Mutterglück pervers

Von Julia Jüttner

Missbrauch begehen nur Männer? Ein Klischee. Auch Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen und Mütter vergehen sich an Kindern. Die ARD-Doku „Mama, hör auf damit!“ schildert das Schicksal zweier Opfer. Ein Film, der über die Schmerzgrenze geht.

Als Axel seinem Vater anvertraut, dass die Mutter ihn seit Jahren missbraucht, schlägt der Vater den Jungen halb tot. Axel ist damals acht Jahre alt. 40 Jahre später sitzt er auf einem weißen Sofa und gibt Einblick in ein absolutes Tabuthema: Jahrelang hat sich seine Mutter an ihm vergangen, ihn in ihr Bett geholt, ihn zu sexuellen Handlungen an ihr gezwungen.

Andrea hat ein ähnliches Schicksal erlitten. Ihre Mutter ist 17, als sie von einem Besatzungssoldaten schwanger wird. Noch vor der Geburt verlässt der verheiratete Mann Deutschland. Andrea ist ihrem Vater nie begegnet. Für die Nachbarn bleibt sie das Besatzungskind, der Bastard. Ihre Mutter lernt nie wieder einen Mann kennen, die Sehnsucht nach körperlicher Nähe befriedigt sie an ihrer Tochter – bis hin zu sexueller Gewalt.

Es sind Momente der Qual, der Abscheu, des Hasses. „Es ist so eklig. Und es ist so schwierig, es in Worte zu fassen“, sagt Andrea. „Es ist ganz traurig. Boah, mir wird ganz schlecht.“ Tränen fließen, wenn sie darüber spricht, wie die Mutter sie missbrauchte. Erst in der Pubertät gelingt es Andrea, sich gegen die Übergriffe zur Wehr zu setzen.

Mütter als Täterinnen

In der ARD- weiter lesen

Das sächsische Innenministerium meldet heute zur Entwicklung der häuslichen Gewalt im Freistaat Sachsen im Jahr 2011 aktuelle Zahlen. Danach wurden 2.831 Straftaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt registriert. Damit hat sich „der seit mehreren Jahren zu beobachtende Anstieg“ weiter fortgesetzt. Als Begründung für den Anstieg benennt das SMI „die gestiegene Anzeigebereitschaft der Opfer sowie … eine allgemeine Sensibilisierung der Öffentlichkeit“.

Zu den insgesamt 258 minderjährigen Opfern werden detaillierte Angaben gemacht:

  • Kinder (bis 13 Jahre): 75 weibliche und 80 männliche Opfer
  • Jugendliche (14 bis 17 Jahre): 69 weibliche und 34 männliche Opfer

Der geschlechtsspezifische Unterschied ist nicht sehr groß (52% männliche vs. 48% weibliche Opfer im Kindesalter) und kehrt sich mit zunehmendem Alter dramatisch zuungunsten der Mädchen bzw. Frauen um. Gerade weil Studien belegen, dass Opfer häuslicher Gewalt später (als Mann) häufig zum Täter werden, sollte dieses Verhältnis im Kindesalter mehr Beachtung finden.

Der Artikel beim Innenministerium Sachsen im Original: http://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/170376

Die sz-online meldete am 14. Juni 2012, dass im Landkreis Bautzen die Fälle häuslicher Gewalt um mehr als zehn Prozent angestiegen sind. Diese Entwicklung ist bedauerlich, andererseits führt das Sozialdezernat des Landkreises diese Entwicklung auch auf verstärkte Aufklärungsarbeit zurück: „die Sensibilität für das Thema häusliche Gewalt sei spürbar gestiegen. Viel häufiger als früher seien Frauen und Männer bereit, Anzeige zu erstatten.“

Dem Artikel ist darüber hinaus zu entnehmen, dass neun der 82 Beschuldigten Täterinnen sind, also Frauen, die gegen ihre Kinder, Eltern oder ihre Partner gewalttätig sind:  „Es kommt aber auch vor, dass Frauen auf ihre Männer und Söhne einprügeln.“ Über die Gewaltopfer wird keine geschlechtsspezifische Angabe gemacht. Es ist sicherlich verfehlt anzunehmen, dass die Verteilung hier in direkt umgekehrtem Verhältnis (also 89% weibliche Opfer, 11% männliche) steht. Einerseits sind die Opfer von Frauen auch deren Töchter, Partnerinnen oder Mütter; genauso wie häusliche Gewalt auch zwischen Männern bzw. Jungen geschieht. Andererseits legen (auch) aktuelle Zahlen aus der Schweiz nahe, dass Jungen sehr viel häufiger als Mädchen von häuslicher Gewalt betroffen sind. Das soll den Blick dafür schärfen, dass die Perspektive immer noch zu sehr auf die Täter/-innen bezogen ist.

Darüber hinaus weist der Text Schutz für die Betroffenen in den Frauenhäusern aus. Wohin sich betroffene Männer wenden können, wenn nichts bleibt, als die eigene Wohnung zu verlassen, bleibt offen. weiter lesen

Wenn Männer Opfer häuslicher Gewalt sind

Oft sind es Frauen, die vom eigenen Mann geschlagen oder psychisch gedemütigt werden. Doch auch Männer sind Opfer häuslicher Gewalt. Die wenigsten Betroffenen vertrauen sich ihrem Freundeskreis an, befürchten, belächelt oder als Schwächlinge gesehen zu werden. Eine aktuelle Studie des Kriminologischen Institutes Niedersachsen deckt auf, dass vier Prozent aller Männer Opfer häuslicher Gewalt sind. Der Film begleitet Klaus und Oliver, die von ihren Partnerinnen psysisch und physisch drangsaliert wurden. Ein exklusiver Blick auf ein gesellschaftliches Tabu.

Quelle | Video in der ZDF-Mediathek: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1547052/Letzter-Ausweg-Maennerhaus