Häusliche Gewalt, Sexueller Missbrauch und Stalking

Geschlechtsspezifische Beratungsangebote für Frauen gab es bereits in den 20er Jahren im Zusammenhang mit Ehe- und Sexualfragen. Die Frauenbewegung hat gegen massivste gesellschaftliche und politische Widerstände auf sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung und häusliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen hingewiesen und die entstandenen Notlagen deutlich gemacht. Als Ergebnis wurden in den vergangenen Jahrzehnten spezifische Angebote für Frauen und Mädchen geschaffen. Die Situation von Frauen und Mädchen kann in diesem Zusammenhang, trotz der positiven Entwicklungen, auch aktuell nicht als ideal eingeschätzt werden. Festzuhalten ist dennoch, dass eine ähnliche Entwicklung und gesellschaftliche Sensibilisierung in Bezug auf Jungen und Männer nicht stattgefunden hat.

Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt liegt vor, wenn Personen innerhalb einer bestehenden oder aufgelösten familiären, ehelichen oder eheähnlichen Beziehung physische, psychische oder sexuelle Gewalt ausüben oder androhen. Der Begriff der Häuslichen Gewalt bezieht die ganze „häusliche Gemeinschaft“ mit ein und wird geschlechtsneutral verwendet. Die Betroffenen können Frauen und Männer, sowie Mädchen und Jungen sein. Die vorrangig alleinige Fokussierung auf Frauen, als Betroffene von häuslicher Gewalt, führt zu einem Glaubwürdigkeitsproblem der von häuslicher Gewalt betroffenen Männer, sowie zu einer Vernachlässigung der darunter leidenden Kinder.

Männer als Betroffene von häuslicher Gewalt

Die auf die physischen Aspekte reduzierte Annahme, dass Männer stark sind und sich darüber selbst behaupten können, wird der Komplexität von Gewaltbeziehungen nicht gerecht. Tatsächlich führt diese weit verbreitete Vorstellung dazu, dass die Männer ihre Hilflosigkeit nicht äußern. Zum einen weil sie sich dafür schämen. Zum anderen aber auch weil sie von Außenstehenden eher Unverständnis oder Schuldzuweisungen statt Unterstützung erwarten. Ein weiterer Grund sind die oftmals positiven Gefühle dem Konfliktpartner gegenüber sowie die Annahme einer Mitschuld und -verantwortung für die erlittenen Verletzungen. Neben der psychischen Abhängigkeit und der kaum reflektierten Identifikation mit der vorgegebenen „Männerrolle“ besteht ein weiterer Grund des Ausharrens in der Befürchtung, durch die Trennung die gesamte Familie und damit auch die Kinder zu verlieren. So bleiben sie der massiv belastenden Situation oftmals über einen längeren Zeitraum ausgesetzt.

Kinder als Betroffene von häuslicher Gewalt

Bisher gibt es nur wenige Studien, die sich diesem Problem angenommen haben. Nach derzeitigem Erkenntnisstand wird davon ausgegangen, dass zwischen 10-30 % aller Kinder und Jugendlichen im Verlauf ihrer Kindheit häusliche Gewalt miterleben. Kinder werden bei häuslicher Gewalt nicht nur Zeugen verbaler Auseinandersetzungen, sondern auch Zeugen von Tätlichkeiten, massiven Drohungen bis hin zu schwerer physischer und sexueller Gewalt. Es wird davon ausgegangen, dass 30-60 % der Kinder, die im Kontext häuslicher Gewalt aufwachsen, selbst unter Gewalt leiden. Dies reicht von Körperstrafen über erhebliche Misshandlungen, psychische Gewalt und Vernachlässigung bis hin zu sexuellem Missbrauch. Dennoch finden die Bedürfnisse von Kindern, in dieser für sie außerordentlich schwierigen Situation nur nachrangig Beachtung. Dies liegt unter anderem an der mangelnden Wahrnehmung von Kindern als Opfer häuslicher Gewalt, die ihre Not und Interessen in den seltensten Fällen äußern können.

Sexueller Missbrauch

In der Bundesrepublik ist etwa jeder elfte Junge unter 18 Jahren von sexualisierter Gewalt betroffen. Dazu zählen einmalige Übergriffe ebenso wie jahrelanger Missbrauch. Die Täter stammen überwiegend aus dem sozialen Nahbereich und sind den betroffenen Jungen zu 75% bekannt.[1] Damit geht einher, dass Anzeichen von sexualisierter Gewalt bei Jungen häufig nicht ernst genommen und die Folgen unterschätzt werden. Die weit verbreiteten Männlichkeitsideale im Sinne von „Stärke” und “Härte” verleiten zu der gängigen Annahme: „Jungen passiert so etwas nicht!“ oder aber “Jungen kommen mit so etwas klar!”. Diese „Ideale“ werden von den Jungen übernommen. Dies bedeutet unter anderem, dass die Unvereinbarkeit von Männlichkeit und Hilfebedürftigkeit in der subjektiven Wahrnehmung heranwachsender Jungen zunehmend handlungsleitend wird. Diese gesellschaftliche Deutung und die daraus resultierenden Selbstbilder tragen ihren Teil dazu bei, dass Jungen und Männer das Schweigen selten brechen. Ebenso werden die Signale von der Familie, den Freunden und auch den Professionellen oftmals nicht erkannt.

Stalking

Stalking beschreibt immer wiederkehrende, maßlose Belästigungen in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung, die das Leben der Betroffenen sehr stark beeinflussen und belasten. Diejenigen, die Stalking ausüben, werden als Stalker bezeichnet. Die Betroffenen sehen keine Möglichkeit, aus der für sie unangenehmen und oft unerträglichen Situation herauszukommen und sich dem Stalker zu entziehen. Die ersten Studien zu Stalking in Deutschland ergaben, dass rund 10% der Bevölkerung in ihrem Leben einmal Opfer von Stalking werden. Mehrheitlich sind Frauen betroffen (mehr als 80%); fast alle Frauen werden von Männern gestalkt. Aber auch Männer werden Opfer von Stalking; Täter sind hier gleichermaßen Frauen wie Männer. Die Täter verfolgen, beobachten und/oder belästigen ihre Opfer wiederholt auf unzumutbare Art und Weise über Monate oder auch Jahre. Mögliche Handlungen von Stalkern sind unter anderem:

  • ständige Telefonanrufe (Telefonterror);
  • fortlaufendes Zusenden oder Hinterlassen von Briefen, E-Mails und SMS-Nachrichten;
  • ständige Belästigung in Chaträumen (Internet);
  • unerwünschtes Beschenken wie Blumen usw.;
  • Warenbestellung auf den Namen des Betroffenen;
  • Ausspionieren von persönlichen Daten;
  • Auflauern und Verfolgen des Betroffenen an jedem denkbar möglichen Aufenthaltsort (Arbeitsplatz, Supermarkt, Wohnung, usw.);
  • Sachbeschädigungen an Tür, Briefkasten, Auto, etc.;
  • Verleumdungen;

Die Handlungsweisen enthalten oft Beschimpfungen und bedrohliche Äußerungen. Die Übergänge von belästigenden Handlungen bis hin zum Stalking sind fließend.

Ein wesentlicher Anhaltspunkt für Stalking ist das subjektive Empfinden der Betroffenen. Fühlt sich die betroffene Person durch die Aktivitäten des Stalkers in ihrem Alltag stark beeinträchtigt, so kann davon ausgegangen werden, dass dringend professionelle Unterstützung benötigt wird.

[1] vgl. Bange, Sexueller Missbrauch von Jungen, S. 38, Hogrefe Verlag GmbH & Co.KG, 2007